Konzert in der Helen Keller Schule

19. April 2011: Als mein Tauchlehrer bei unserer Fahrt zur Bootmesse erfuhr, dass ich Klavier spiele und schon mehrere Konzerte gegeben habe, fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, mal ein Konzert an der Schule zu geben, wo er arbeitet.

Konzert Helen Keller SchuleWeil mir das Spielen vor Publikum sehr viel Freude bereitet, sagte ich gerne zu. Zusammen mit meiner Tante und Klavierlehrerin stellte ich ein schönes Programm zusammen. Normalerweise spiele ich auf einem Klavier oder beim Vorspiel auf einem Flügel. In der Schule sollte ich auf einem E-Piano spielen. Deshalb war ich sehr froh, dass ich das Instrument schon einige Tage vorher ausprobieren konnte und gut damit zurecht kam.

Am 8. April um 10:30 Uhr war es dann so weit. Wie immer spielte ich mich vor Beginn der Veranstaltung noch ein, als der Rektor und seine Stellvertreterin in den Raum kamen, meine Tante, meine Mutter und mich begrüßten und noch mal den Ablauf erklärten.

Dann füllte sich der Saal und alle wurden vom Schulleiter begrüßt. Anschlißend führte die Musiklehrerin Frau Muhl durch das Programm.

Zuerst hörten wir die kleinen Kinder vom Schulchor.

Dann bat Frau Muhl mich auf die Bühne und stellte mich vor. Sie sagte auch jedes Stück einzeln an und  ich begann mit dem Programm. Die Schüler, Lehrer und Erzieher waren sehr aufmerksam und klatschten begeistert

Ich spielte nicht nur klassische sondern auch moderne, flotte Stücke.

Als mein Programm zu Ende war, bedankten sich die Musiklehrerin und der Schulleiter bei mir und ich bekam einen  wunserschönen Blumenstrauß und einen Pralinenkasten. Darüber freute ich mich sehr und sagte auch noch ein paar Dankesworte.

Zum Schluss sangen die großen Schüler vom Schulchor. Das war sehr mitreißend und wir klatschten alle im Takt dazu.

Weil meine Mutter wie immer furchtbar aufgeregt war, gab sie meinem Tauchlehrer Marko meinen Fotoapparat und der machte viele schöne Bilder.

Von allen Seiten bekam ich viel Lob und auch der Rektor und seine Vertreterin meinten, dass mein Programm sehr abwechslungsreich war und ihnen sehr gut gefallen hat.

Besonders freute ich mich darüber, dass Marko mir auch sagte, wie schön ich gespielt habe. Es war ja schließlich seine Idee, dass ich an der Helen Keller Schule in Rüsselsheim gespielt habe.

Aber am wichtigsten war für mich, dass meine Tante und Klavierlehrerin mit mir sehr zufrieden war. Als besondere Überraschung bekam ich von ihr einen wunderschönen Ring und einen Anhänger dazu.

Es war für mich ein ganz besonders gelungener Tag.

Mein weiter Weg zum Traumberuf

19. Oktober 2010: Ich habe 2002 meinen Hauptschulabschluss gemacht. Weil mein Traumberuf Arzthelferin war, habe ich danach ein halbes Jahr in zwei Arztpraxen gearbeitet und einen Förderlehrgang gemacht.
 Da ich noch schulpflichtig war, besuchte ich gemeinsam mit den auszubildenden Arzthelferinnen im ersten Lehrjahr die Berufsschule. Dort kam ich sehr gut mit und habe auch viel gelernt. Bei den Tests schrieb ich meist eine 2 oder eine 3. Außerdem lernte ich im Schreibmaschinenkurs mit zehn Fingern zu schreiben.

Es gefiel mir sehr gut in der Berufsschule. Auch in die Praxis ging ich zuerst sehr gern. Ich freute mich auf die Arbeit und die Patienten. Leider wurde ich von einer Arzthelferin total abgelehnt. Ich durfte auch nicht das in der Schule gelernte einbringen. Zu meinen Aufgaben gehörte es, mich um den Hund zu kümmern, bei strömendem Regen ohne Schirm Hundefutter zu kaufen und zur Post zu gehen um die Briefe aus dem Postfach zu holen. Außerdem musste ich die Praxis fegen. Die Atmosphäre war sehr angespannt und ich fühlte mich nach einiger Zeit gar nicht mehr wohl dort. Deshalb schaute ich mich nach einem anderen Arbeitsplatz um.

Gegen den Wunsch der Ärztin kündigte ich und setzte im Waldorfkindergarten meinen Förderlehrgang fort. Dort arbeitete ich 19 Monate und war sehr glücklich.
Ich konnte schon immer gut mit Kindern umgehen. Es machte mir viel Spaß, den Kindern Märchen zu erzählen, Puppenspiele aufzuführen, Fingerspiele zu machen, mit den Kindern zu malen, Ausflüge zu machen, Lieder zu singen und Flöte zu spielen. Einmal pro Woche gab es einen Elternabend. Es war eine sehr schöne Zeit, an die ich noch gerne zurückdenke. Die Kinder hingen an mir und mit meinen Kolleginnen verstand ich mich gut. Auch die Eltern und der Vorstand waren mit meiner Arbeit sehr zufrieden. Deshalb bemühten sich alle, mich nach dem Förderlehrgang weiter zu beschäftigen. Leider scheiterte es an den Finanzen und wir waren alle sehr traurig.

Mein Wunsch war es nun, mit Kindern zu arbeiten, deshalb schickte ich viele Bewebungen los und bewarb mich auch an der Helene Lange Schule in  Mannheim für eine Ausbildung zur Kinderpflegerin.
Beim Integrationsfachdienst riet man mir, mich an einer Altenpflegeschule zu bewerben um eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin zu machen. Das tat ich auch und dann bekam ich sogar zwei Ausbildungsplätze.
In Mannheim an der Kinderpflegeschule bekam ich eine Zusage für einen Ausbildungsplatz zur Kinderpflegerin und in Bensheim einen Platz für die Ausbildung zur Altenpflegehelferin und einen Platz für die praktische Ausbildung in einem Altenpflegeheim in der Nähe. Dort arbeitete auch ein guter Freund von meinem Bruder, der mich anleiten wollte und sollte.

Da die Kinderpflegeschule weit entfernt war und die Ausbildung in Hessen nicht anerkannt wird, entschloss ich mich die Ausbildung zur Altenpflegehelferin zu machen. In der Schule kam ich sehr gut mit und bei den Tests schrieb ich meist eine 2 oder 3. Auch beim mündlichen Test über Strafrecht, Zivilrecht und Haftungsrecht bekam ich eine 2 und auch die praktischen Übungen machten mir keine Probleme.

Aber im Heim sah es ganz anders aus. Die Stationsleiterin hatte Urlaub, als ich den praktischen Ausbildungsplatz bekam. Sie weigerte sich, mich auszubilden und sagte, wenn sie damals nicht Urlaub gehabt hätte, hätte ich den Ausbildungsplatz nicht bekommen. Sie hetzte gegen mich und machte mir das Leben zur Hölle. Auch Tobias’ Freund, der mich schon jahrelang kannte, wollte es sich mit ihr nicht verderben. Damit ich meine Ausbildung beenden könnte und die Altenpfleger entlastet werden, beantragten wir gemeinsam mit dem Heimleiter einen Integrationshelfer beim Integrationsamt. Der wurde auch bewilligt, aber die Stationsleiterin weigerte sich, Hilfe anzunehmen. Ich wurde gemobbt weil man mich loswerden wollte. Meine Ausbildungsberichte wurden nicht unterschrieben.
Obwohl in meinem Ausbildungsvertrag stand, dass der Ausbildungsbetrieb dazu verpflichtet ist weigerte man sich, mich auszubilden. Beim Praxisbesuch meiner Dozentin sollte ich eine Bewohnerin vorstellen und die Pflege unter Anleitung durchführen. Ich durfte nicht die Unterlagen der Bewohnerin einsehen, um den Praxisbesuch vorzubereiten. Als die Angehörigen der Bewohnerin mir einen Brief im Nachtschrank dieser Frau hinterließen, in dem Sie ihr Einverständnis erklärten, verschwand dieser Brief spurlos. Als die Angehörigen der Bewohnerin und meine Mutter gemeinsam mit mir zu der Stationsleiterin gingen und danach fragten, musste sie ihn wieder herausrücken. Man ließ mich keine Vorbereitungen treffen, kein Pfleger war bereit mitzukommen. Ich durfte nicht mal in das Zimmer dieser Frau betreten, sondern wurde in den entgegengesetzten Bereich zum Bettenmachen geschickt.
Man verhinderte ganz einfach, dass ich meine Dozentin pünktlich am Eingangsbereich abholen und meine Prüfungsaufgaben bestehen konnte.
Deshalb musste ich meine Ausbildung nach dem Probehalbjahr abbrechen.

Weil mir die Arbeit mit Kindern so gut gefallen hatte, freute ich mich, dass ich ein Praktikum in einer Praxis für Entwicklungspädagogik in Mainz ableisten durfte. Ich hatte zwar eine tägliche Fahrzeit von 4 1/2 Stunden, aber die Arbeit machte mir viel Spaß. Ich lernte den Umgang mit behinderten Kindern und Fördermöglichkeiten mit GUK, Gebärden, Kieler Zahlen, viel Musik, Kinderturnen und Montessorimaterial kennen. Die Therapie fand in kleinen Gruppen statt und ich durfte gezielt mit den Kindern arbeiten. Die Arbeit machte mir viel Freude.
Dort hätte ich auch eine abgespeckte Ausbildung machen und dann im Kindergarten arbeiten können. Aber dazu hätte ich nach Mainz in ein Wohnheim ziehen müssen und das wollte ich nicht.

Also machte ich als nächstes ein Praktikum in einer Sonderschule für praktisch bildbare Schüler. Dort gefiel es mir auch sehr gut, mit den Kindern zu arbeiten. In einer Klasse waren nur sechs Schüler und wir waren vier Erwachsene. Ich durfte meine Flöte mitbringen und jeder Tag begann oder endete mit Musik.
Hier lernte ich andere Gebärden. Die Kinder hatten es sehr gut in der Schule. Es gab ein Schwimmbad, einen Therapieraum, einen Frühstücksraum und die Kinder fuhren jede Woche einmal zum therapeutischen Reiten. Obwohl man sich hier viel Zeit für jedes Kind nahm, lernten die Kinder nur sehr wenig lesen, schreiben und rechnen, weil einfach wenig angeboten wurde. Ich half den Kindern gerne und staunte, wie toll die Schule ausgestattet war. Trotzdem glaube ich, dass es für mich richtig war, dass ich nicht eine Sonderschule besucht habe.

Weil ich leider keinen Arbeitsplatz im Kindergarten fand, entschloss ich mich, trotz des weiten Weges (4 Stunden Fahrzeit täglich) ein Praktikum im CAP-Markt Höchst zu absolvieren. Hier lernte ich einen ganz anderen Bereich kennen. Ich durfte Regale einräumen und im Lager arbeiten. Manchmal durfte ich auch an die Kasse. Obwohl man sehr zufrieden mit mir war und mir ein Ausbildungsplatz in Aussicht gestellt wurde, klappte es leider weder mit einem Arbeitsplatz noch mit einem Ausbildungsplatz in diesem Jahr und man empfahl mir, mich im kommenden Jahr noch einmal zu bewerben, da in diesem Jahr leider keine freien Plätze mehr waren. Weil es mir dort sehr gut gefallen hatte, war ich schon enttäuscht.

Aber ich fand schnell eine neue Praktikumsstelle, leider auch wieder sehr weit von meiner Wohnung entfernt (2 1/2 Stunden Fahrzeit). Ich begann als Servicekraft in einem Café. Hier sollte ich vier Wochen Praktikum machen und danach einen Arbeitsvertrag für eine halbe Stelle bekommen, wenn man mit mir zufrieden war. Zu meinen Aufgaben gehörte es, die Gäste zu bedienen, Kuchen in einer Bäckerei abzuholen Gläser zu polieren, zu kassieren, die Spülmaschine ein- und auszuräumen, Tische zu decken usw. Die Arbeit hier bereitete mir auch viel Spaß und ich freute mich über das Trinkgeld. Die Kollegen waren sehr nett und ich fühlte mich rundum wohl dort. Ich sollte tatsächlich einen Arbeitsvertrag bekommen.

Ausgerechnet jetzt bekam ich auch eine Stelle im Kindergarten in Aussicht gestellt und zwar in unserem Nachbarort. Ich hätte also nur einen Weg von ungefähr 4 Kilometern täglich zur Arbeit. Obwohl ich es mir sehr gewünscht hatte, mit Kindern zu arbeiten, war ich wieder sehr unsicher, wie ich mich entscheiden sollte. Aber es gab eine Entscheidungshilfe für mich.
Obwohl meine Chefs und Kollegen im Café sehr enttäuscht und traurig waren, als sie erfuhren, dass ich mich mit dem Gedanken trage, nun doch einen Arbeitsplatz bei uns in der Nähe anzunehmen, konnten sie mich verstehen. Ich bekam die feste Zusage, dass ich jederzeit wieder dort im Café arbeiten könnte und auch meinen Vertrag bekäme, wenn es mir im Kindergarten doch nicht so gefallen würde.

An einem Sonntag hatte ich meinen letzten Arbeitstag im Café und durfte zum Abschluss auf dem Flügel dort etwas vorspielen. Mein Chef war so begeistert, dass er gleich eine gute Idee hatte. Ich soll nun regelmäßig an bestimmten Sonntagen für die Gäste auf dem Flügel ein Konzert geben. Darüber freute ich mich riesig. Der erste Termin war am Sonntag, den 2.11.2008, 15:00 Uhr bis  17:00 Uhr.

Dann begann ich mein Praktikum im Kindergarten. Leider gefiel es mir dort gar nicht so gut. Ich durfte nichts machen, nicht mal beim Spaziergang mitgehen. Ich merkte, dass die Erzieherinnen mich eigentlich gar nicht wollten.
Deshalb kehrte ich reumütig ins Café Fechenbach zurück. Alle freuten sich sehr, und meine Chefs meinten: „ Es klingt vielleicht komisch, aber sie freuen sich, dass es mir im Kindergarten nicht gefallen hat und ich zurückkomme.“
Nun habe ich seit dem 2.  Januar 2009 einen festen Vertrag und bin glücklich über meinen Arbeitsplatz. Ich habe inzwischen schon vier Konzerte gegeben.

Ich hatte bis dahin ja immer nur zwei oder höchstens drei Stücke hintereinander, z. B. in der Kirche mit etwa 500 Besuchern oder beim Benefizkonzert in Mutlangen gespielt. Nun musste ich zwei Stunden spielen und war doch etwas unsicher, ob ich das schaffen würde. Aber meine Tante, die mir auch Klavierunterricht gibt stellte ein tolles Programm zusammen und die Gäste waren begeistert. Am 1. Februar 2009 hatte ich mein letztes Konzert und musste sogar schon von 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr, also drei Stunden spielen. Das hat mir sehr viel Freude bereitet. Weil es in meiner Arbeitszeit ist, bekomme ich es nun sogar bezahlt. Mein Chef setzt immer am Sonnabend eine Annonce in die Zeitung und stellt vor dem Café eine Tafel auf wo steht, dass ich spiele, weil dann mehr Gäste kommen. Zum Schluss sagte zu mir, ich wäre wieder gut gewesen wie immer und er müsste mich noch etwas fragen: „ Am 28. Februar soll eine Geburtstagsfeier in unserem Café ausgerichtet werden und man hat gefragt, ob Du bereit wärst, gegen ein Honorar von 17:00 Uhr bis 20:00 Uhr zu spielen.“ Da war ich doch sehr überrascht.  Ich habe natürlich zugesagt.
Es ist schon schön, dass ich anderen Menschen Freude machen kann. Nun habe ich nicht nur negative sondern auch sehr viele schöne Erfahrungen gemacht.
Als ich mich im Café vorstellte, dachte ich, dass nicht jeder Traum in Erfüllung gehen kann und dass man froh sein muss, wenn man überhaupt etwas findet. Nun ist es mein Traumjob geworden.
Anfang Dezember rief mein Chef bei uns an und meinte, das Darmstädter wolle einen Bericht über das Café schreiben. Der Chefredakteur hätte bestimmt, diesmal sollte nicht nur über Behinderte geschrieben werden sondern sie sollten auch gefragt werden. Nun hatten meine Chefs mich ausgesucht und wollten wissen, ob ich bereit dazu wäre.
Ich sagte zu und war sehr gespannt auf den Journalisten. Es war ein sehr nettes, lockeres Gespräch und Herr Reith hat fast alles was ich ihm erzählt habe in seinem Artikel untergebracht. Eigentlich hatte er schon ein wenig Berührungsängste, weil er noch keine Erfahrung mit einem Menschen mit Down-Syndrom hatte. Die sind jetzt weg und deshalb hat es sich schon gelohnt.

Mein Traumberuf war ja eigentlich Arzthelferin. Ganz habe ich ihn noch nicht aufgegeben. Mein Bruder ist ja Arzt und hat immer gesagt, dass ich selbstverständlich bei ihm arbeiten könnte, wenn er einmal eine eigene Praxis haben sollte, aber wahrscheinlich wird er in der Klinik bleiben.

Trotzdem habe ich noch einen ganz großen Traum. Ich wäre so gerne Schauspielerin, dann könnte ich viele Berufe spielen. Ich war ja auch meine ganze Schulzeit in der Theater AG und habe jahrelang ehrenamtlich in einem Tonstudio gearbeitet und für Kassetten und Weihnachtsbänder gelesen.

Leben mit Handicap – meine wahre Geschichte (2009)

19. Oktober 2010: Mit dieser Geschichte habe ich an dem Geschichtenwettbewerb von den Gesellschaftern der Aktion Mensch und dem bvkm teilgenommen und den dritten Preis bekommen.

Ich heiße Carina Kühne und bin 24 Jahre alt. Ich habe das Down-Syndrom, deshalb bin ich anders, als die meisten Menschen. Ich habe nämlich nicht 46 sondern 47 Chromosomen. Das Chromosom 21 ist bei mir 3-fach vorhanden. Trotzdem lebe ich gerne.

In Deutschland gibt es ungefähr 50 000 Menschen mit Down-Syndrom. Wenn Ärzte während der Schwangerschaft das Down-Syndrom feststellen, werden neun von zehn Föten abgetrieben.

Auch meine Eltern waren sehr traurig, als sie erfuhren, dass ich eine Behinderung habe. Alle Menschen wünschen sich perfekte Kinder. Nur für meinen Bruder war ich eine ganz normale kleine Schwester, mit der man kuscheln und die man herumschleppen konnte. Meine Eltern hatten Angst vor der Zukunft. Man hatte ihnen gesagt, dass ich vielleicht niemals laufen werde und mit Sicherheit niemals lesen, schreiben und rechnen lernen würde.
Deshalb sollte ich besser in ein Heim kommen.

Ich war ein Frühchen und entwickelte mich sehr langsam. Meine Mutter wollte mich trotzdem behalten. Essen klappte bei mir nur mit Musik und mein Bruder musste immer Klavier spielen.

Um meine Muskeln zu stärken, bekam ich Krankengymnastik und durfte einmal in der Woche am Babyschwimmen teilnehmen. So lernte ich wie fast alle anderen Kinder auch sitzen, stehen und laufen. Während mein Bruder schon mit acht Monaten anfing zu laufen, brauchte ich dazu genau zwei Jahre und einen Tag. Die ganze Familie freute sich riesig darüber.
Meine Mutter behandelte mich wie ein ganz normales Kind. Sie machte keine Unterschiede zwischen meinem Bruder und mir. Ich brauchte zwar mehr Unterstützung und Förderung, aber ich konnte auch sehr viel lernen. Ich kam in einen Regelkindergarten und entwickelte mich nicht viel anders, als die anderen Kinder. Ich liebte jede Beschäftigung. Wenn die anderen Kinder keine Lust mehr hatten, wollte ich unbedingt weiter machen.

Weil mein Auge oft entzündet war, musste ich häufig in die Augenklinik. Dort machte man auch Sehtests. Wenn ich nicht richtig reagierte, hieß es einfach: „Die hat ja ein Down-Syndrom, die will nicht!“. Erst kurz vor meiner Einschulung wurde festgestellt, dass ich weitsichtig bin (6,5 Dioptrien). Ich konnte also nicht richtig sehen.

Normalerweise müssen Kinder mit Down-Syndrom in eine Sonderschule für praktisch Bildbare. Ich hatte Glück und durfte eine ganz normale Grundschule besuchen. Da konnte ich mit den anderen Kindern gemeinsam lernen. Das war für mich sehr wichtig, weil ich immer viel abgeguckt und nachgeahmt habe. So bekam ich die Möglichkeit, den gleichen Stoff zu lernen wie die anderen Kinder. Es machte mir viel Spaß und ich ging gern in die Schule. Deshalb wollte ich auch in der Sekundarstufe integrativ beschult werden. Das war gar nicht so einfach, weil wir eine Schule finden mussten, die einen Antrag auf Schulversuch beim Kultusministerium stellen würde. Zunächst klappte das nicht und ich bekam eine Zwangseinweisung in die Sonderschule. Aber wir gaben nicht auf und schafften es unmittelbar vor Schulbeginn, dass ich zunächst wenigstens die 4. Klasse wiederholen durfte. Laut Schulrat ist dies nicht möglich, weil Kinder mit Down-Syndrom das Klassenziel ohnehin nicht erreichen können.
Danach hatte ich großes Glück und fand eine weiterführende Schule. Auch hier kam ich gut mit. Der Fachberater hatte zwar gemeint, dass ich am Englischunterricht nicht teilnehmen könnte sondern mit meinem Sonderpädagogen in der Ecke sitzen müsste. Aber das war ein Irrtum. Ich konnte gut mitmachen. Englisch war mein Lieblingsfach, ich war Klassenbeste und bekam eine Eins im Zeugnis.
So schaffte ich einen guten Hauptschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 2,3. Darüber war ich sehr glücklich. Keiner hatte dies für möglich gehalten.
In der Sonderschule bekommt man den Stoff nämlich gar nicht erst angeboten.

Nun bin ich ein Integrationsfan und wünschte, dass alle Kinder mit und ohne Behinderung die gleiche Chance bekommen.

Auch nach der Schule war es nicht leicht für mich. Ich habe trotzdem viel gemacht, zunächst ein halbes Jahr Praktikum in zwei verschiedenen Arztpraxen. Da ich damals noch schulpflichtig war, habe ich mit den auszubildenden Arzthelferinnen im ersten Lehrjahr gemeinsam die Berufsschule besucht. Dort kam ich gut mit. Ich lernte auch mit zehn Fingern am Computer zu schreiben.

Anschließend habe ich 19 Monate einen Förderlehrgang in einem Walldorfkindergarten gemacht. Dort gefiel es mir sehr gut. Ich fühlte mich wohl und wurde von allen akzeptiert, die Kinder liebten mich. Alle wollten, dass ich dort weiterhin arbeite aber leider scheiterte es an den Finanzen. Ich hätte zwar noch für ein Jahr bleiben können, aber nur 100 € monatlich erhalten. Davon kann man natürlich nicht leben.

Nun musste ich weiter suchen und fand einen Ausbildungsplatz zur Altenpflegehelferin. In der Schule kam ich gut mit, aber im Altenpflegeheim wo ich meine praktische Ausbildung machen sollte, wurde ich gemobbt. Man war nicht bereit, mich anzuleiten. Die Stationsleiterin sagte, wenn sie damals nicht im Urlaub gewesen wäre, hätte sie verhindert, dass ich den Ausbildungsplatz bekomme. Nach der halbjährigen Probezeit beendete ich die Ausbildung. Das war eine sehr traurige Erfahrung.

Am liebsten wollte ich wieder in einem Kindergarten arbeiten. Ich schrieb mindestens 100 Bewerbungen, dann bekam ich einen Praktikumsplatz in einer Praxis für Entwicklungspädagogik in Mainz. Hier kamen entwicklungsverzögerte Kinder, hauptsächlich Kinder mit Down-Syndrom einmal pro Woche für 1 ½  Stunden zur Therapie. Sie lernten dort in kleinen Gruppen mit dem Montessorimaterial sowie den Kieler Zahlen und Gebärden. Es gab auch Musiktherapie und Gymnastik. Wenn die Therapeutin zwischendurch ans Telefon musste oder ein kurzes Elterngespräch führte, durfte ich weiter machen. Das gefiel mir auch sehr gut. Man bot mir an, dort eine abgespeckte Ausbildung zu machen und wollte einen Kindergarten für mich suchen, in dem ich praktisch arbeiten sollte. Weil die Entfernung von meinem Wohnort aber zu weit war, sollte ich in ein Wohnheim am Ort ziehen. Das wollte ich aber nicht. Ich möchte noch nicht zu Hause ausziehen!

Mein nächstes Praktikum absolvierte ich in einer Schule für praktisch Bildbare. Ich hatte ja nur Integration kennen gelernt und war sehr gespannt auf die Sonderschule. Für die sechs Kinder in der Klasse gab es zwei Lehrerinnen, eine Therapeutin, einen Zivi und mich als erwachsene Betreuerin. Jede Klasse hatte einen Therapieraum, eine Küche und einen Klassenraum. Außerdem gab es in der Schule ein Schwimmbad, einen Musikraum und mehrere Turnräume. Die Schule war super toll ausgestattet und einmal in der Woche fuhr die Klasse mit dem Bus zum therapeutischen Reiten. So etwas hätte ich auch gerne in meiner Schule gehabt. Trotzdem bin ich sicher, dass es für mich gut war in eine ganz normale Schule mit normalem Unterricht zu gehen. Die Kinder in der Sonderschule werden super betreut aber sie lernen kaum Kulturtechniken. Vielleicht könnten einige Kinder viel mehr lernen, wenn man es ihnen anbieten würde. Mein Praktikum dauerte nur vier Wochen.

Deshalb suchte ich weiter und fand einen neuen Praktikumsplatz in einem CAP-Markt, leider auch wieder ziemlich weit entfernt. Das war ein ganz neues Arbeitsfeld für mich. Ich musste Regale einräumen, die Ware im Regal vorziehen, die Papierpresse bedienen und manchmal durfte ich auch an die Kasse. Auch dort gefiel es mir und man war sehr zufrieden mit mir. Deshalb stellte man mir nicht nur einen Arbeits- sondern sogar einen Ausbildungsplatz in Aussicht. Leider waren dann doch schon alle Plätze vergeben und man empfahl mir, im kommenden Jahr eine neue Bewerbung zu schicken, falls ich bis dahin keinen Job hätte.

Sehr schnell fand ich einen neuen Praktikumsplatz. Diesmal war es wieder etwas ganz anderes. Ich arbeitete als Servicekraft in einem Café. Nach einem dreimonatigen Praktikum bekam ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Die Arbeit mit den Gästen macht mir sehr viel Freude.

Außerdem kann ich nun auch noch mein Hobby mit einbringen. Ich spiele nämlich Klavier und habe in dem Café schon einige Konzerte von zwei bis drei Stunden gegeben. Meine Liebe gehört der klassischen Musik.

Meine Mutter sagt immer, wenn sie nach meiner Geburt das gewusst hätte, was sie heute weiß, hätte sie viel weniger Tränen geweint und viel weniger Sorgen gehabt.

Sicherlich hätte ich lieber kein Down-Syndrom, aber leiden tue ich eher unter der Ablehnung meiner Mitmenschen, als unter der Chromosomenanomalie. Ich kann trotzdem viel lernen und möchte gerne bald meinen Führerschein machen. Ich fühle mich nicht behindert, werde aber manchmal von meinen Mitmenschen behindert.

Eigentlich sind doch alle Menschen anders. Selbst eineiige Zwillinge sind nicht ganz gleich. Männer sind anders, Frauen sind anders. Es gibt weiße und farbige Menschen, es gibt Chinesen, es gibt Indianer, Inder, Eskimos und viele mehr. Alle sind anders. Fast jeder Mensch hat doch ein Defizit. Auch ohne Down-Syndrom kann nicht jeder Abitur machen und studieren. Keiner weiß, ob ihm morgen nicht ein Stein auf den Kopf fällt. Die meisten Behinderungen erwirbt man irgendwann im Laufe des Lebens.
Ich habe auch einen Kopf, einen Körper, zwei Arme, zwei Beine, zwei Hände, zwei Füße, zehn Finger, zehn Zehen, Haare, Augen, Nase und Mund wie fast alle Menschen. Meine Gefühle sind auch nicht anders. Ich kann lachen, weinen und nachdenklich sein.
Im Grundgesetz steht, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind und Richard von Weizsäcker hat gesagt: „Es ist normal, verschieden zu sein“.

Unsere Welt wäre ärmer, wenn es keine Menschen mit Down-Syndrom mehr gäbe!

Deshalb wünsche ich mir ein Lebensrecht für alle, viel mehr Aufklärung, Toleranz und wirkliche Gleichberechtigung. Vielleicht würde sich ja in unserer Gesellschaft etwas ändern, wenn es mehr Filme gäbe, in denen behinderte Menschen mitspielen und wenn es nicht so viele Behinderteneinrichtungen am Stadtrand gäbe.

Wir gehören dazu!

Integration oder Sonderschule?

18. Oktober 2010: Ich heiße Carina Kühne, bin 25 Jahre alt und habe das Down-Syndrom. Weil ich nur die Integration (Kindergarten, Vorklasse, Grundschule und Sekundarstufe) kennen gelernt habe, kann ich eigentlich nichts zur Sonderschule sagen!

Aber ich denke, Integration ist besser, als Sonderschule, weil dem Schüler viel mehr Lernstoff angeboten wird, als in der Sonderschule. Wenn man dem Schüler nichts anbietet und zutraut, kann man nicht feststellen, was er alles leisten kann.
Ich wollte immer das Gleiche machen wie alle anderen Kinder.

Wenn ich eine gute Note bekam, habe ich gejubelt. Manchmal ging auch eine Arbeit daneben, aber, das war ja gar nicht so schlimm.
Ich wurde nie gemobbt oder zurückgesetzt und fühlte mich wohl. Ich gehörte einfach dazu und habe immer gern nachgeahmt, was die anderen Schüler machten.
Nur unter einer Grundschullehrerin hatte ich sehr zu leiden. Alle anderen Lehrer waren fair und sehr nett zu mir. 
Ich habe auch den ganzen Lehrstoff erarbeitet und die Schule mit einem guten Hauptschulabschluss beendet.

Selbst Englisch habe ich entgegen der Meinung von Fachleuten bewältigt. Es war mein Lieblingsfach und ich war Klassenbeste und bekam sogar eine 1 im Zeugnis. 
In der Sonderschule sind nur behinderte Schüler. 
In einer Integrationsklasse gibt es behinderte und nicht behinderte Schüler und beide können voneinander lernen. Man lernt Toleranz und Rücksichtnahme.
Meiner Meinung nach muss man selbst entscheiden, welche Schule man besuchen möchte.
Es gibt doch nur eine Welt und da gehören Behinderte und Nichtbehinderte zusammen.

Tina und Tom (Eine besondere Liebesgeschichte)

2008: Diese Geschichte habe ich beim EUCREA-Wettbewerb eingeschickt. Sie steht auch in dem Buch die liebe ist warm ich spüre sie beim herz (2008).

Tina, ein vierzehnjähriges Mädchen, das immer fröhlich und gut gelaunt ist wohnt mit seiner jüngeren Schwester Sabine und den Eltern in einem wunderschönen Einfamilienhaus in Groß-Umstadt. Die beiden Mädchen besuchen die Gesamtschule am Ort. Dort fühlen sie sich sehr wohl und haben auch viele Freunde. Tina hat das Down-Syndrom, trotzdem kommt sie in der Schule gut mit und ist voll integriert und akzeptiert. Nach Schulschluss gehen die beiden Schwestern gemeinsam nach Hause. Dort wartet die Mutter schon mit dem Mittagessen auf sie. Beim Essen erzählen die Mädchen was sie in der Schule erlebt haben. Dann machen beide ihre Hausaufgaben und treffen sich nachmittags mit Klassenkameraden.

Montags gehen beide in den Schwimmverein und am Donnerstag haben sie Klavierunterricht.

Der Vater arbeitet als Vertreter und kommt oft nur am Wochenende nach Hause.

Doch an diesem Donnerstag ist alles anders. Als Tina und Sabine vom Klavierunterricht nach Hause kommen, hören sie ihre Eltern schon vor der Tür streiten. Der Vater hat seinen Job verloren und ist sehr wütend. Die Mutter möchte gerne wieder arbeiten und meint: „Wenn Du nicht mehr die ganze Woche unterwegs bist, kannst Du Dich doch um die Kinder kümmern und ich verdiene das Geld!“

Leider fängt jetzt eine schlimme Zeit für die beiden Mädchen an.

Die Eltern streiten sich von Tag zu Tag mehr und als sie eines Tages aus der Schule kommen, werden sie schon erwartet. Der Vater teilt ihnen mit, dass sich jetzt einiges ändern wird. Die Eltern wollen sich trennen. Tina soll mit der Mutter nach Berlin ziehen und Sabine soll mit dem Vater in Groß-Umstadt bleiben.

Tina und Sabine sind verzweifelt und möchten unbedingt zusammen bleiben. Aber leider lassen die Eltern sich nicht umstimmen. Schon zwei Tage später kommt der Umzugswagen und die Schwestern müssen sich voneinander verabschieden.

Traurig steigt Tina zu der Mutter ins Auto. Sie mag gar nichts sagen. Die Mutter versucht sie zu trösten und erzählt ihr dass sie eine tolle Schule für sie gefunden hat und dass Tina bestimmt viele neue Freunde finden würde. Außerdem sei Berlin eine ganz wunderbare Stadt.

Spät am Abend treffen sie in der neuen Wohnung ein. Sie ist sehr modern, hell und freundlich aber doch sehr fremd für Tina. Weil der Möbelwagen erst am nächsten Tag kommen soll, schlafen Mutter und Tochter auf Luftmatratzen.

Am nächsten Tag kommt der Möbelwagen und die neue Wohnung wird eingeräumt.

Da Tina erst am nächsten Tag zur Schule muss, hilft sie erst mit beim Einräumen und sieht sich dann ein wenig in der Gegend um.

Eigentlich ist es sehr schön aber halt doch nicht so, wie in Groß-Umstadt. Tina wird von den Nachbarn komisch angeschaut und man tuschelt hinter ihrem Rücken.

Wie schön wäre es doch, wenn Sabine da wäre!

Dann beginnt Tinas erster Schultag in der großen Stadt. Die Mutter bringt sie hin. „Hoffentlich sind die Schüler hier auch so nett wie in meiner alten Schule!“ denkt Tina.

Dann melden sie sich im Sekretariat und gleich danach kommt auch schon die Lehrerin, eine sehr nette junge Frau. Sie erklärt, dass sie mit ihren Schülern gesprochen hat. Die Schüler wissen also, dass Tina das Down-Syndrom hat und sie sollen besonders nett zu ihr sein und ihr auch dabei helfen, sich einzugewöhnen.

Die Mutter verabschiedet sich und Tina geht mit der Lehrerin Frau Schneider in den Klassenraum.

Die Lehrerin stellt sie der Klasse vor und bittet sie, sich einen Platz zu suchen. Tina will sich auf den nächsten freien Platz neben einem Mädchen setzen, aber das meint nur, der Platz wäre besetzt. Nun geht Tina ganz nach hinten und setzt sich ganz allein auf den letzten Platz. Vom Unterricht bekommt sie nicht viel mit. Auch in der Pause kümmert sich keiner um sie. Natürlich ist sie froh, dass sie nach Schulschluss nach Hause gehen kann.

Die Mutter ist dabei, die Kisten auszupacken und die Schränke einzuräumen, als sie nach Hause kommt. Schnell kocht die Mutter eine Suppe und beide setzen sich an den Tisch zum Essen. Die Mutter merkt sofort wie bedrückt Tina ist. Sie fragt: „Warum bist Du so traurig Tina? Da kommen ihr die Tränen und sie schluchzt: „Ich möchte nie wieder in diese Schule gehen weil die anderen mich nicht mögen und wie Luft behandeln!“ Die Mutter tröstet sie und meint, dass sich das sicher bald ändern wird.

Weil Tina übernächste Woche Geburtstag hat, schlägt die Mutter vor, dass Tina einige Klassenkameraden einladen soll. Sofort setzt Tina sich hin und bastelt Einladungskarten. Sie hofft, dass die Mitschüler sich über die Einladungen freuen und verteilt sie. Aber keiner will zu ihr kommen, alle sagen: „ Du bist ja doof, zu Dir wollen wir nicht! Du bist ja ganz anders als wir. Mit Dir wollen wir nichts zu tun haben!“

Tina wird immer trauriger und setzt sich auf ihren Platz. Keiner beachtet sie und auch die Lehrer merken nicht, was los ist.

In der Pause wird sie von Tom einem Jungen aus der Nachbarklasse ganz besonders geärgert und gehänselt. Er stellt ihr sogar ein Bein und sie fällt hin. Aber Tina traut sich nicht etwas zu sagen und verkriecht sich in die hinterste Ecke.

Am nächsten Tag verkündet die Lehrerin, dass die zwei Parallelklassen in der nächsten Woche einen Ausflug ins Badeland machen wollen. Alle sollen einen schönen Tag erleben.

Tina schwimmt zwar sehr gerne, aber sie hat Angst, wieder abgelehnt zu werden.

Die Mutter hat inzwischen ihre neue Arbeit angefangen und gar keine Zeit mehr für Tina. Sie reden kaum noch miteinander.

Am kommenden Montag findet der Ausflug statt. Alle Schüler steigen in den Bus und setzen sich. Tina steigt als letzte ein und will sich gerade auf einen freien Platz neben eine Klassenkameradin setzen, als diese ihr einen Schubs gibt und sie anfaucht: „Verschwinde, hier sitzt mein Freund. Setz Dich woanders hin!“

Da setzt sich Tina ganz allein hinten hin und schaut traurig aus dem Fenster. Am liebsten würde sie sich in ein Flugzeug setzen und zu ihrer Schwester und ihren alten Freunden fliegen!

Hier gefällt es ihr gar nicht. Keiner mag sie, keiner spricht mit ihr oder will etwas mit ihr zu tun haben.

Aber als sie bei dem tollen Schwimmbad ankommen, freut sie sich doch etwas, weil sie so gerne schwimmt.

Hoffentlich wird sie nicht wieder geärgert! Aber sie hat Glück, die anderen Schüler beachten sie gar nicht. Alle toben wild durcheinander. Sogar Tom aus der Parallelklasse lässt sie in Ruhe. Tina genießt es, im Schwimmbad zu sein. Zwischendurch beobachtet sie die anderen Badegäste. Die Lehrerin unterhält sich mit dem Bademeister und die meisten Schüler schwimmen bei dem schönen Wetter im Freien.

Da bemerkt Tina, dass Tom mit einem Affenzahn die Rutsche heruntersaust und mit dem Kopf an die Kante stößt. Als sie sieht, dass er mit dem Kopf nach unten bewusstlos im Wasser schwimmt, rennt sie zu ihm hin und zieht ihn aus dem Wasser. Tom blutet aus einer großen Platzwunde am Kopf. Keiner außer ihr hat bemerkt, was passiert ist. Deshalb ruft sie ganz laut um Hilfe und kümmert sich weiter um Tom. Die Lehrerin und der Bademeister kommen sofort um zu helfen. Auch die anderen Kinder kommen angerannt und bilden einen großen Kreis um sie. Während die Lehrerin und der Bademeister noch Erste Hilfe leisten, rennt Tina in die Umkleidekabine, holt ihr Handy und ruft den Notarzt.

Als sie ins Schwimmbad zurückkommt, liegt Tom immer noch bewusstlos am Boden und der Bademeister will gerade den Notarzt verständigen. Da ruft Tina: „Der wird gleich kommen, ich habe schon angerufen!“ 

Tatsächlich hört man schon die Sirene und gleich danach kommt der Notarzt mit den Sanitätern in die Halle gerannt.

Zum Glück ist es noch nicht zu spät und sie können Tom helfen.

Er bekommt einen Kopfverband und eine Infusion bevor er auf eine Trage gehoben wird. Dann bringen die Sanitäter ihn in den Rettungswagen und er wird ganz schnell mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren.

Alle Schüler und die Lehrerin bleiben zurück. Tina soll erzählen, was passiert ist und wie sie geholfen hat. Alle schauen bewundernd zu ihr auf. Keiner hätte ihr das zugetraut.

Auch die Lehrerin lobt sie für ihren tollen Einsatz. Dann ziehen sie sich wieder an und steigen in den Bus. Auf der Heimfahrt ist Tina nicht alleine. Alle wollen neben ihr sitzen und nun sagt auch keiner mehr sie sei blöd.

Am nächsten Tag verabredet Tina sich mit Susanne einem Mädchen aus ihrer Klasse. Sie besuchen Tom im Krankenhaus. Dem geht es schon wieder viel besser und er staunt ordentlich, als Susanne ihm erzählt, was Tina alles für ihn getan hat.

Natürlich freut er sich sehr darüber. Er entschuldigt sich dafür, dass er Tina so sehr geärgert hat und fragt sie ob sie seine Freundin sein möchte. Tina bekommt einen roten Kopf und wird ganz verlegen vor Freude. Natürlich möchte sie seine Freundin sein.

Bald verabschieden sich Susanne und Tina von Tom und gehen zu Tina nach Hause.

Auf einmal haben die beiden Mädchen sich viel zu erzählen und sind richtige Freundinnen.

Auch in der Schule hat Tina keine Probleme mehr. Nun mögen sie alle und helfen ihr gerne, wenn sie Probleme hat.

Tina denkt zwar immer noch oft an ihre Schwester, aber eigentlich gefällt es ihr jetzt auch ganz gut in Berlin.

Es ist gar nicht mehr so schlimm, dass die Mutter erst abends spät von der Arbeit kommt. Nachmittags besucht sie Tom im Krankenhaus. Es geht ihm schon wieder recht gut und er kommt auch bald wieder nach Hause. Eigentlich ist Tom ein ganz netter Junge und seine Eltern sind auch nett zu Tina.

Ausgerechnet an Tinas Geburtstag kommt Tom aus dem Krankenhaus.

Tinas Mutter hat sich frei genommen und eine Überraschung für ihre Tochter vorbereitet.

Um drei Uhr Klingelt es an der Tür. Tina kann es kaum glauben. Da steht doch Tim mit zehn weiteren Klassenkameraden vor der Tür. Alle haben Tina Geschenke mitgebracht und singen ihr ein Ständchen. Es wird eine wunderbare Geburtstagsfeier und Tina ist richtig glücklich.

In der nächsten Zeit ist sie oft mit Tom zusammen. Sie treffen sich nach der Schule, machen zusammen Hausaufgaben, gehen ins Kino und unternehmen viel gemeinsam. Tom zeigt ihr Berlin. Berlin ist wirklich eine tolle Stadt.

Sie reden auch viel miteinander. Tom erklärt Tina: „Ich habe immer nur gedacht, dass Menschen mit Down-Syndrom dumm sind. Aber nun weiß ich, dass es nicht stimmt. Tina, Du bist echt ein ganz tolles Mädchen und ich habe mich richtig in Dich verliebt. Es war wirklich ganz toll, wie Du mir damals im Schwimmbad geholfen hast. Dabei war ich immer so böse zu Dir!“

Tina schaut Tom in die Augen und flüstert: „Ich habe Dich auch sehr gern! Eigentlich habe ich schon vergessen, wie Du mich behandelt hast! Aber ich habe damals ganz schön Angst vor Dir gehabt!“

Tom nimmt Tina ganz fest in den Arm und sagt: „Es tut mir so furchtbar leid! Kannst Du mir verzeihen? Ich möchte, dass Du nie wieder von jemandem geärgert wirst und nie mehr Angst haben musst. Ich habe Dich sehr lieb und möchte immer für Dich da sein. Nun werde ich aufpassen, dass Dir keiner mehr weh tut!“

Tina lächelt und dann umarmen sie sich ganz fest und küssen sich innig.