Mut und Enttäuschung

2. Februar 2013: Manche Eltern belasten positive Erfahrungsberichte.

Unmittelbar nach meiner Geburt machte meine Mutter sich auf die Suche nach Informationsmaterial zum Thema Down-Syndrom. Leider gab es damals noch nicht so viel. Sie erinnerte sich nur noch an den Film „Unser Walter“. Den hatte sie während ihrer Schulzeit gesehen.

Wir hatten gerade erst unseren ersten Computer angeschafft und Internet gab es auch noch nicht.

Als ich etwas größer wurde, besuchten wir viele Veranstaltungen und freuten uns immer wenn wir sahen, wie fit manche Kinder sind.

Erst als ich schon zur Schule ging, entdeckten wir die verschiedenen Zeitschriften und wurden Mitglied in einigen Selbsthilfegruppen.

Dabei lernten wir auch verschiedene Eltern und Kinder mit Down–Syndrom kennen. Es war sehr interessant und wir konnten uns austauschen.

Einmal mussten wir während einer Veranstaltung den Raum verlassen. Da trafen wir auf eine  Mutter, die ziemlich ärgerlich, verzweifelt und auch deprimiert war. Sie meinte: „Ich kann das einfach nicht mehr ertragen! Immer wird nur von den Wunderkindern berichtet! Mein Kind ist nicht so fit und wird es auch nie sein!

Über diesen Ausbruch waren wir erst sehr verwundert. Aber dann haben wir uns Gedanken darüber gemacht und konnten diese Frau sehr gut verstehen.

Leider sind nicht alle Kinder gleich fit, aber es ist doch sehr beeindruckend, was einige Kinder trotz Trisomie  21 mit entsprechender Förderung erreichen können.

Meiner Mutter und mir hat das immer sehr viel Mut gemacht.

Meine Tante hat immer gesagt; „Wenn man Kinder mit Handicap fördert, können sie vielleicht einiges erreichen. Wenn man ihnen nichts anbietet, werden sie auch nichts lernen, egal, ob sie fit sind oder nicht.“

Unsere Devise war immer; „Wir versuchen es!“

So konnte ich viel lernen und hatte auch Freude daran.“

Leider haben wir einmal auch die Erfahrung gemacht, dass eine Freundschaft mit einem Mädchen mit Trisomie 21 auseinander ging, weil die Eltern meiner Freundin es nicht verkraftet haben, dass ich eine Regelschule besuchte. Dabei hatten sie für ihre Tochter die Sonderschule ausgesucht. Das war schon traurig, weil wir uns sehr gut verstanden haben.

Trotzdem sind wir sehr nachdenklich und sensibler geworden!

Provoziert man mit positiven Berichten eine Erwartungshaltung, die manche Kinder nicht erfüllen können? Manche Eltern haben das Gefühl versagt zu haben, wenn ihre Kinder trotz Förderung nicht das erreichen, was sie sich wünschen.

Müssen wir mehr Rücksicht auf die Gefühle dieser Eltern nehmen?

Sollte man lieber nicht über positive Erfahrungen berichten, weil manche Eltern darunter leiden?

Vielleicht tröstet es diese Eltern ja auch, wenn mehr über weniger positive Erfahrungen berichtet wird!

Leben mit Handicap – meine wahre Geschichte (2009)

19. Oktober 2010: Mit dieser Geschichte habe ich an dem Geschichtenwettbewerb von den Gesellschaftern der Aktion Mensch und dem bvkm teilgenommen und den dritten Preis bekommen.

Ich heiße Carina Kühne und bin 24 Jahre alt. Ich habe das Down-Syndrom, deshalb bin ich anders, als die meisten Menschen. Ich habe nämlich nicht 46 sondern 47 Chromosomen. Das Chromosom 21 ist bei mir 3-fach vorhanden. Trotzdem lebe ich gerne.

In Deutschland gibt es ungefähr 50 000 Menschen mit Down-Syndrom. Wenn Ärzte während der Schwangerschaft das Down-Syndrom feststellen, werden neun von zehn Föten abgetrieben.

Auch meine Eltern waren sehr traurig, als sie erfuhren, dass ich eine Behinderung habe. Alle Menschen wünschen sich perfekte Kinder. Nur für meinen Bruder war ich eine ganz normale kleine Schwester, mit der man kuscheln und die man herumschleppen konnte. Meine Eltern hatten Angst vor der Zukunft. Man hatte ihnen gesagt, dass ich vielleicht niemals laufen werde und mit Sicherheit niemals lesen, schreiben und rechnen lernen würde.
Deshalb sollte ich besser in ein Heim kommen.

Ich war ein Frühchen und entwickelte mich sehr langsam. Meine Mutter wollte mich trotzdem behalten. Essen klappte bei mir nur mit Musik und mein Bruder musste immer Klavier spielen.

Um meine Muskeln zu stärken, bekam ich Krankengymnastik und durfte einmal in der Woche am Babyschwimmen teilnehmen. So lernte ich wie fast alle anderen Kinder auch sitzen, stehen und laufen. Während mein Bruder schon mit acht Monaten anfing zu laufen, brauchte ich dazu genau zwei Jahre und einen Tag. Die ganze Familie freute sich riesig darüber.
Meine Mutter behandelte mich wie ein ganz normales Kind. Sie machte keine Unterschiede zwischen meinem Bruder und mir. Ich brauchte zwar mehr Unterstützung und Förderung, aber ich konnte auch sehr viel lernen. Ich kam in einen Regelkindergarten und entwickelte mich nicht viel anders, als die anderen Kinder. Ich liebte jede Beschäftigung. Wenn die anderen Kinder keine Lust mehr hatten, wollte ich unbedingt weiter machen.

Weil mein Auge oft entzündet war, musste ich häufig in die Augenklinik. Dort machte man auch Sehtests. Wenn ich nicht richtig reagierte, hieß es einfach: „Die hat ja ein Down-Syndrom, die will nicht!“. Erst kurz vor meiner Einschulung wurde festgestellt, dass ich weitsichtig bin (6,5 Dioptrien). Ich konnte also nicht richtig sehen.

Normalerweise müssen Kinder mit Down-Syndrom in eine Sonderschule für praktisch Bildbare. Ich hatte Glück und durfte eine ganz normale Grundschule besuchen. Da konnte ich mit den anderen Kindern gemeinsam lernen. Das war für mich sehr wichtig, weil ich immer viel abgeguckt und nachgeahmt habe. So bekam ich die Möglichkeit, den gleichen Stoff zu lernen wie die anderen Kinder. Es machte mir viel Spaß und ich ging gern in die Schule. Deshalb wollte ich auch in der Sekundarstufe integrativ beschult werden. Das war gar nicht so einfach, weil wir eine Schule finden mussten, die einen Antrag auf Schulversuch beim Kultusministerium stellen würde. Zunächst klappte das nicht und ich bekam eine Zwangseinweisung in die Sonderschule. Aber wir gaben nicht auf und schafften es unmittelbar vor Schulbeginn, dass ich zunächst wenigstens die 4. Klasse wiederholen durfte. Laut Schulrat ist dies nicht möglich, weil Kinder mit Down-Syndrom das Klassenziel ohnehin nicht erreichen können.
Danach hatte ich großes Glück und fand eine weiterführende Schule. Auch hier kam ich gut mit. Der Fachberater hatte zwar gemeint, dass ich am Englischunterricht nicht teilnehmen könnte sondern mit meinem Sonderpädagogen in der Ecke sitzen müsste. Aber das war ein Irrtum. Ich konnte gut mitmachen. Englisch war mein Lieblingsfach, ich war Klassenbeste und bekam eine Eins im Zeugnis.
So schaffte ich einen guten Hauptschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 2,3. Darüber war ich sehr glücklich. Keiner hatte dies für möglich gehalten.
In der Sonderschule bekommt man den Stoff nämlich gar nicht erst angeboten.

Nun bin ich ein Integrationsfan und wünschte, dass alle Kinder mit und ohne Behinderung die gleiche Chance bekommen.

Auch nach der Schule war es nicht leicht für mich. Ich habe trotzdem viel gemacht, zunächst ein halbes Jahr Praktikum in zwei verschiedenen Arztpraxen. Da ich damals noch schulpflichtig war, habe ich mit den auszubildenden Arzthelferinnen im ersten Lehrjahr gemeinsam die Berufsschule besucht. Dort kam ich gut mit. Ich lernte auch mit zehn Fingern am Computer zu schreiben.

Anschließend habe ich 19 Monate einen Förderlehrgang in einem Walldorfkindergarten gemacht. Dort gefiel es mir sehr gut. Ich fühlte mich wohl und wurde von allen akzeptiert, die Kinder liebten mich. Alle wollten, dass ich dort weiterhin arbeite aber leider scheiterte es an den Finanzen. Ich hätte zwar noch für ein Jahr bleiben können, aber nur 100 € monatlich erhalten. Davon kann man natürlich nicht leben.

Nun musste ich weiter suchen und fand einen Ausbildungsplatz zur Altenpflegehelferin. In der Schule kam ich gut mit, aber im Altenpflegeheim wo ich meine praktische Ausbildung machen sollte, wurde ich gemobbt. Man war nicht bereit, mich anzuleiten. Die Stationsleiterin sagte, wenn sie damals nicht im Urlaub gewesen wäre, hätte sie verhindert, dass ich den Ausbildungsplatz bekomme. Nach der halbjährigen Probezeit beendete ich die Ausbildung. Das war eine sehr traurige Erfahrung.

Am liebsten wollte ich wieder in einem Kindergarten arbeiten. Ich schrieb mindestens 100 Bewerbungen, dann bekam ich einen Praktikumsplatz in einer Praxis für Entwicklungspädagogik in Mainz. Hier kamen entwicklungsverzögerte Kinder, hauptsächlich Kinder mit Down-Syndrom einmal pro Woche für 1 ½  Stunden zur Therapie. Sie lernten dort in kleinen Gruppen mit dem Montessorimaterial sowie den Kieler Zahlen und Gebärden. Es gab auch Musiktherapie und Gymnastik. Wenn die Therapeutin zwischendurch ans Telefon musste oder ein kurzes Elterngespräch führte, durfte ich weiter machen. Das gefiel mir auch sehr gut. Man bot mir an, dort eine abgespeckte Ausbildung zu machen und wollte einen Kindergarten für mich suchen, in dem ich praktisch arbeiten sollte. Weil die Entfernung von meinem Wohnort aber zu weit war, sollte ich in ein Wohnheim am Ort ziehen. Das wollte ich aber nicht. Ich möchte noch nicht zu Hause ausziehen!

Mein nächstes Praktikum absolvierte ich in einer Schule für praktisch Bildbare. Ich hatte ja nur Integration kennen gelernt und war sehr gespannt auf die Sonderschule. Für die sechs Kinder in der Klasse gab es zwei Lehrerinnen, eine Therapeutin, einen Zivi und mich als erwachsene Betreuerin. Jede Klasse hatte einen Therapieraum, eine Küche und einen Klassenraum. Außerdem gab es in der Schule ein Schwimmbad, einen Musikraum und mehrere Turnräume. Die Schule war super toll ausgestattet und einmal in der Woche fuhr die Klasse mit dem Bus zum therapeutischen Reiten. So etwas hätte ich auch gerne in meiner Schule gehabt. Trotzdem bin ich sicher, dass es für mich gut war in eine ganz normale Schule mit normalem Unterricht zu gehen. Die Kinder in der Sonderschule werden super betreut aber sie lernen kaum Kulturtechniken. Vielleicht könnten einige Kinder viel mehr lernen, wenn man es ihnen anbieten würde. Mein Praktikum dauerte nur vier Wochen.

Deshalb suchte ich weiter und fand einen neuen Praktikumsplatz in einem CAP-Markt, leider auch wieder ziemlich weit entfernt. Das war ein ganz neues Arbeitsfeld für mich. Ich musste Regale einräumen, die Ware im Regal vorziehen, die Papierpresse bedienen und manchmal durfte ich auch an die Kasse. Auch dort gefiel es mir und man war sehr zufrieden mit mir. Deshalb stellte man mir nicht nur einen Arbeits- sondern sogar einen Ausbildungsplatz in Aussicht. Leider waren dann doch schon alle Plätze vergeben und man empfahl mir, im kommenden Jahr eine neue Bewerbung zu schicken, falls ich bis dahin keinen Job hätte.

Sehr schnell fand ich einen neuen Praktikumsplatz. Diesmal war es wieder etwas ganz anderes. Ich arbeitete als Servicekraft in einem Café. Nach einem dreimonatigen Praktikum bekam ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Die Arbeit mit den Gästen macht mir sehr viel Freude.

Außerdem kann ich nun auch noch mein Hobby mit einbringen. Ich spiele nämlich Klavier und habe in dem Café schon einige Konzerte von zwei bis drei Stunden gegeben. Meine Liebe gehört der klassischen Musik.

Meine Mutter sagt immer, wenn sie nach meiner Geburt das gewusst hätte, was sie heute weiß, hätte sie viel weniger Tränen geweint und viel weniger Sorgen gehabt.

Sicherlich hätte ich lieber kein Down-Syndrom, aber leiden tue ich eher unter der Ablehnung meiner Mitmenschen, als unter der Chromosomenanomalie. Ich kann trotzdem viel lernen und möchte gerne bald meinen Führerschein machen. Ich fühle mich nicht behindert, werde aber manchmal von meinen Mitmenschen behindert.

Eigentlich sind doch alle Menschen anders. Selbst eineiige Zwillinge sind nicht ganz gleich. Männer sind anders, Frauen sind anders. Es gibt weiße und farbige Menschen, es gibt Chinesen, es gibt Indianer, Inder, Eskimos und viele mehr. Alle sind anders. Fast jeder Mensch hat doch ein Defizit. Auch ohne Down-Syndrom kann nicht jeder Abitur machen und studieren. Keiner weiß, ob ihm morgen nicht ein Stein auf den Kopf fällt. Die meisten Behinderungen erwirbt man irgendwann im Laufe des Lebens.
Ich habe auch einen Kopf, einen Körper, zwei Arme, zwei Beine, zwei Hände, zwei Füße, zehn Finger, zehn Zehen, Haare, Augen, Nase und Mund wie fast alle Menschen. Meine Gefühle sind auch nicht anders. Ich kann lachen, weinen und nachdenklich sein.
Im Grundgesetz steht, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind und Richard von Weizsäcker hat gesagt: „Es ist normal, verschieden zu sein“.

Unsere Welt wäre ärmer, wenn es keine Menschen mit Down-Syndrom mehr gäbe!

Deshalb wünsche ich mir ein Lebensrecht für alle, viel mehr Aufklärung, Toleranz und wirkliche Gleichberechtigung. Vielleicht würde sich ja in unserer Gesellschaft etwas ändern, wenn es mehr Filme gäbe, in denen behinderte Menschen mitspielen und wenn es nicht so viele Behinderteneinrichtungen am Stadtrand gäbe.

Wir gehören dazu!

Tina und Tom (Eine besondere Liebesgeschichte)

2008: Diese Geschichte habe ich beim EUCREA-Wettbewerb eingeschickt. Sie steht auch in dem Buch die liebe ist warm ich spüre sie beim herz (2008).

Tina, ein vierzehnjähriges Mädchen, das immer fröhlich und gut gelaunt ist wohnt mit seiner jüngeren Schwester Sabine und den Eltern in einem wunderschönen Einfamilienhaus in Groß-Umstadt. Die beiden Mädchen besuchen die Gesamtschule am Ort. Dort fühlen sie sich sehr wohl und haben auch viele Freunde. Tina hat das Down-Syndrom, trotzdem kommt sie in der Schule gut mit und ist voll integriert und akzeptiert. Nach Schulschluss gehen die beiden Schwestern gemeinsam nach Hause. Dort wartet die Mutter schon mit dem Mittagessen auf sie. Beim Essen erzählen die Mädchen was sie in der Schule erlebt haben. Dann machen beide ihre Hausaufgaben und treffen sich nachmittags mit Klassenkameraden.

Montags gehen beide in den Schwimmverein und am Donnerstag haben sie Klavierunterricht.

Der Vater arbeitet als Vertreter und kommt oft nur am Wochenende nach Hause.

Doch an diesem Donnerstag ist alles anders. Als Tina und Sabine vom Klavierunterricht nach Hause kommen, hören sie ihre Eltern schon vor der Tür streiten. Der Vater hat seinen Job verloren und ist sehr wütend. Die Mutter möchte gerne wieder arbeiten und meint: „Wenn Du nicht mehr die ganze Woche unterwegs bist, kannst Du Dich doch um die Kinder kümmern und ich verdiene das Geld!“

Leider fängt jetzt eine schlimme Zeit für die beiden Mädchen an.

Die Eltern streiten sich von Tag zu Tag mehr und als sie eines Tages aus der Schule kommen, werden sie schon erwartet. Der Vater teilt ihnen mit, dass sich jetzt einiges ändern wird. Die Eltern wollen sich trennen. Tina soll mit der Mutter nach Berlin ziehen und Sabine soll mit dem Vater in Groß-Umstadt bleiben.

Tina und Sabine sind verzweifelt und möchten unbedingt zusammen bleiben. Aber leider lassen die Eltern sich nicht umstimmen. Schon zwei Tage später kommt der Umzugswagen und die Schwestern müssen sich voneinander verabschieden.

Traurig steigt Tina zu der Mutter ins Auto. Sie mag gar nichts sagen. Die Mutter versucht sie zu trösten und erzählt ihr dass sie eine tolle Schule für sie gefunden hat und dass Tina bestimmt viele neue Freunde finden würde. Außerdem sei Berlin eine ganz wunderbare Stadt.

Spät am Abend treffen sie in der neuen Wohnung ein. Sie ist sehr modern, hell und freundlich aber doch sehr fremd für Tina. Weil der Möbelwagen erst am nächsten Tag kommen soll, schlafen Mutter und Tochter auf Luftmatratzen.

Am nächsten Tag kommt der Möbelwagen und die neue Wohnung wird eingeräumt.

Da Tina erst am nächsten Tag zur Schule muss, hilft sie erst mit beim Einräumen und sieht sich dann ein wenig in der Gegend um.

Eigentlich ist es sehr schön aber halt doch nicht so, wie in Groß-Umstadt. Tina wird von den Nachbarn komisch angeschaut und man tuschelt hinter ihrem Rücken.

Wie schön wäre es doch, wenn Sabine da wäre!

Dann beginnt Tinas erster Schultag in der großen Stadt. Die Mutter bringt sie hin. „Hoffentlich sind die Schüler hier auch so nett wie in meiner alten Schule!“ denkt Tina.

Dann melden sie sich im Sekretariat und gleich danach kommt auch schon die Lehrerin, eine sehr nette junge Frau. Sie erklärt, dass sie mit ihren Schülern gesprochen hat. Die Schüler wissen also, dass Tina das Down-Syndrom hat und sie sollen besonders nett zu ihr sein und ihr auch dabei helfen, sich einzugewöhnen.

Die Mutter verabschiedet sich und Tina geht mit der Lehrerin Frau Schneider in den Klassenraum.

Die Lehrerin stellt sie der Klasse vor und bittet sie, sich einen Platz zu suchen. Tina will sich auf den nächsten freien Platz neben einem Mädchen setzen, aber das meint nur, der Platz wäre besetzt. Nun geht Tina ganz nach hinten und setzt sich ganz allein auf den letzten Platz. Vom Unterricht bekommt sie nicht viel mit. Auch in der Pause kümmert sich keiner um sie. Natürlich ist sie froh, dass sie nach Schulschluss nach Hause gehen kann.

Die Mutter ist dabei, die Kisten auszupacken und die Schränke einzuräumen, als sie nach Hause kommt. Schnell kocht die Mutter eine Suppe und beide setzen sich an den Tisch zum Essen. Die Mutter merkt sofort wie bedrückt Tina ist. Sie fragt: „Warum bist Du so traurig Tina? Da kommen ihr die Tränen und sie schluchzt: „Ich möchte nie wieder in diese Schule gehen weil die anderen mich nicht mögen und wie Luft behandeln!“ Die Mutter tröstet sie und meint, dass sich das sicher bald ändern wird.

Weil Tina übernächste Woche Geburtstag hat, schlägt die Mutter vor, dass Tina einige Klassenkameraden einladen soll. Sofort setzt Tina sich hin und bastelt Einladungskarten. Sie hofft, dass die Mitschüler sich über die Einladungen freuen und verteilt sie. Aber keiner will zu ihr kommen, alle sagen: „ Du bist ja doof, zu Dir wollen wir nicht! Du bist ja ganz anders als wir. Mit Dir wollen wir nichts zu tun haben!“

Tina wird immer trauriger und setzt sich auf ihren Platz. Keiner beachtet sie und auch die Lehrer merken nicht, was los ist.

In der Pause wird sie von Tom einem Jungen aus der Nachbarklasse ganz besonders geärgert und gehänselt. Er stellt ihr sogar ein Bein und sie fällt hin. Aber Tina traut sich nicht etwas zu sagen und verkriecht sich in die hinterste Ecke.

Am nächsten Tag verkündet die Lehrerin, dass die zwei Parallelklassen in der nächsten Woche einen Ausflug ins Badeland machen wollen. Alle sollen einen schönen Tag erleben.

Tina schwimmt zwar sehr gerne, aber sie hat Angst, wieder abgelehnt zu werden.

Die Mutter hat inzwischen ihre neue Arbeit angefangen und gar keine Zeit mehr für Tina. Sie reden kaum noch miteinander.

Am kommenden Montag findet der Ausflug statt. Alle Schüler steigen in den Bus und setzen sich. Tina steigt als letzte ein und will sich gerade auf einen freien Platz neben eine Klassenkameradin setzen, als diese ihr einen Schubs gibt und sie anfaucht: „Verschwinde, hier sitzt mein Freund. Setz Dich woanders hin!“

Da setzt sich Tina ganz allein hinten hin und schaut traurig aus dem Fenster. Am liebsten würde sie sich in ein Flugzeug setzen und zu ihrer Schwester und ihren alten Freunden fliegen!

Hier gefällt es ihr gar nicht. Keiner mag sie, keiner spricht mit ihr oder will etwas mit ihr zu tun haben.

Aber als sie bei dem tollen Schwimmbad ankommen, freut sie sich doch etwas, weil sie so gerne schwimmt.

Hoffentlich wird sie nicht wieder geärgert! Aber sie hat Glück, die anderen Schüler beachten sie gar nicht. Alle toben wild durcheinander. Sogar Tom aus der Parallelklasse lässt sie in Ruhe. Tina genießt es, im Schwimmbad zu sein. Zwischendurch beobachtet sie die anderen Badegäste. Die Lehrerin unterhält sich mit dem Bademeister und die meisten Schüler schwimmen bei dem schönen Wetter im Freien.

Da bemerkt Tina, dass Tom mit einem Affenzahn die Rutsche heruntersaust und mit dem Kopf an die Kante stößt. Als sie sieht, dass er mit dem Kopf nach unten bewusstlos im Wasser schwimmt, rennt sie zu ihm hin und zieht ihn aus dem Wasser. Tom blutet aus einer großen Platzwunde am Kopf. Keiner außer ihr hat bemerkt, was passiert ist. Deshalb ruft sie ganz laut um Hilfe und kümmert sich weiter um Tom. Die Lehrerin und der Bademeister kommen sofort um zu helfen. Auch die anderen Kinder kommen angerannt und bilden einen großen Kreis um sie. Während die Lehrerin und der Bademeister noch Erste Hilfe leisten, rennt Tina in die Umkleidekabine, holt ihr Handy und ruft den Notarzt.

Als sie ins Schwimmbad zurückkommt, liegt Tom immer noch bewusstlos am Boden und der Bademeister will gerade den Notarzt verständigen. Da ruft Tina: „Der wird gleich kommen, ich habe schon angerufen!“ 

Tatsächlich hört man schon die Sirene und gleich danach kommt der Notarzt mit den Sanitätern in die Halle gerannt.

Zum Glück ist es noch nicht zu spät und sie können Tom helfen.

Er bekommt einen Kopfverband und eine Infusion bevor er auf eine Trage gehoben wird. Dann bringen die Sanitäter ihn in den Rettungswagen und er wird ganz schnell mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren.

Alle Schüler und die Lehrerin bleiben zurück. Tina soll erzählen, was passiert ist und wie sie geholfen hat. Alle schauen bewundernd zu ihr auf. Keiner hätte ihr das zugetraut.

Auch die Lehrerin lobt sie für ihren tollen Einsatz. Dann ziehen sie sich wieder an und steigen in den Bus. Auf der Heimfahrt ist Tina nicht alleine. Alle wollen neben ihr sitzen und nun sagt auch keiner mehr sie sei blöd.

Am nächsten Tag verabredet Tina sich mit Susanne einem Mädchen aus ihrer Klasse. Sie besuchen Tom im Krankenhaus. Dem geht es schon wieder viel besser und er staunt ordentlich, als Susanne ihm erzählt, was Tina alles für ihn getan hat.

Natürlich freut er sich sehr darüber. Er entschuldigt sich dafür, dass er Tina so sehr geärgert hat und fragt sie ob sie seine Freundin sein möchte. Tina bekommt einen roten Kopf und wird ganz verlegen vor Freude. Natürlich möchte sie seine Freundin sein.

Bald verabschieden sich Susanne und Tina von Tom und gehen zu Tina nach Hause.

Auf einmal haben die beiden Mädchen sich viel zu erzählen und sind richtige Freundinnen.

Auch in der Schule hat Tina keine Probleme mehr. Nun mögen sie alle und helfen ihr gerne, wenn sie Probleme hat.

Tina denkt zwar immer noch oft an ihre Schwester, aber eigentlich gefällt es ihr jetzt auch ganz gut in Berlin.

Es ist gar nicht mehr so schlimm, dass die Mutter erst abends spät von der Arbeit kommt. Nachmittags besucht sie Tom im Krankenhaus. Es geht ihm schon wieder recht gut und er kommt auch bald wieder nach Hause. Eigentlich ist Tom ein ganz netter Junge und seine Eltern sind auch nett zu Tina.

Ausgerechnet an Tinas Geburtstag kommt Tom aus dem Krankenhaus.

Tinas Mutter hat sich frei genommen und eine Überraschung für ihre Tochter vorbereitet.

Um drei Uhr Klingelt es an der Tür. Tina kann es kaum glauben. Da steht doch Tim mit zehn weiteren Klassenkameraden vor der Tür. Alle haben Tina Geschenke mitgebracht und singen ihr ein Ständchen. Es wird eine wunderbare Geburtstagsfeier und Tina ist richtig glücklich.

In der nächsten Zeit ist sie oft mit Tom zusammen. Sie treffen sich nach der Schule, machen zusammen Hausaufgaben, gehen ins Kino und unternehmen viel gemeinsam. Tom zeigt ihr Berlin. Berlin ist wirklich eine tolle Stadt.

Sie reden auch viel miteinander. Tom erklärt Tina: „Ich habe immer nur gedacht, dass Menschen mit Down-Syndrom dumm sind. Aber nun weiß ich, dass es nicht stimmt. Tina, Du bist echt ein ganz tolles Mädchen und ich habe mich richtig in Dich verliebt. Es war wirklich ganz toll, wie Du mir damals im Schwimmbad geholfen hast. Dabei war ich immer so böse zu Dir!“

Tina schaut Tom in die Augen und flüstert: „Ich habe Dich auch sehr gern! Eigentlich habe ich schon vergessen, wie Du mich behandelt hast! Aber ich habe damals ganz schön Angst vor Dir gehabt!“

Tom nimmt Tina ganz fest in den Arm und sagt: „Es tut mir so furchtbar leid! Kannst Du mir verzeihen? Ich möchte, dass Du nie wieder von jemandem geärgert wirst und nie mehr Angst haben musst. Ich habe Dich sehr lieb und möchte immer für Dich da sein. Nun werde ich aufpassen, dass Dir keiner mehr weh tut!“

Tina lächelt und dann umarmen sie sich ganz fest und küssen sich innig.