Erster Paul-und-Käthe-Kraemer-Inklusionspreis 2016

Erster Paul-und-Käthe-Kraemer-Inklusionspreis 2016

In der Jury für den Inklusionspreis

Die Eheleute Paul R. und Katharina Kraemer eröffneten1941 ihren ersten Schmuckladen. Sie waren sehr erfolgreich und es kamen noch viele weitere Filialen hinzu.

Sie bekamen einen Sohn, der sehr schwer behindert war und auch schon mit dreizehn Jahren starb.

Deshalb gründeten sie eine Stiftung und setzten sich sehr für Menschen mit Behinderung ein. Nach dem Tod der Eheleute ging das gesamte Vermögen in die Stiftung.

Zum 100. Geburtstag des Stifters wurde ein Inklusionspreis ins Leben gerufen.

203 Bewerbungen aus den Bereichen Wohnen, Sport & Bewegung sowie Freizeit & Kultur gingen ein.

Jurysitzung

Ich bekam gemeinsam mit Matthias Berg, Prof. Dr. Hans-Josef Deutsch, Dr. Marion Gierden-Jülich, Prof. Dr. Gudrun Wansing, Prof. Dr. Irmgard Merkt, Dr. Sarah Neef eine Einladung zur Jurysitzung am 25. Februar. Es war mir eine Ehre, dass ich mit entscheiden durfte, welche Projekte einen Preis bekommen würden. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich.

Zuerst bekamen wir einen dicken Ordner zugeschickt, indem die Bewerber ihre Inklusionsprojekte vorstellten. Es war ganz schön aufwändig, den durchzuarbeiten, aber auch sehr interessant.

Jury

Jury

Die Entscheidung fiel gar nicht so leicht, bei den vielen tollen Projekten.

Trotzdem fiel die Entscheidung für den Sieger einstimmig aus.

Preisverleihung und Laudatio

Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Verena Bentele übernahm die Schirmherrschaft zur Preisverleihung am 13. Mai 2016.

Anlässlich des 100. Geburtstages und zu Ehren des Stiftungsgründers fand im Rahmen des Festaktes erstmals die Verleihung des Paul-und-Käthe-Kraemer-Inklusionspreises in Frechen-Buschbell statt. Mit dem Preis fördert die Gold-Kraemer-Stiftung inklusive Projekte, die in der Praxis durchdringende und nachhaltige Verbesserungen im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention bewirken.

Die Reithalle, in der die Veranstaltung stattfand, war wunderschön geschmückt.

Vor den rund 300 Gästen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, dem Sport und der Kultur verlieh der Vorstandsvorsitzende der Gold-Kraemer-Stiftung, Johannes Ruland, die Preise an die Gewinner:

 Preisträger

  1. Preis, dotiert mit EUR 15.000,-: Modellprojekt „Inklusive Bildung“ der Stiftung Drachensee aus Kiel in Zusammenarbeit mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Menschen mit Behinderung lehren an Hochschulen Inklusion als Experten in eigener Sache.
Die Preisträger aus Kiel

Die Preisträger aus Kiel

  1. Preis, dotiert mit EUR 8.000,-: Projekt „Un-Label“ aus Köln. Neue inklusive und innovative Möglichkeiten in den darstellenden Künsten zu finden, ist das Ziel der internationalen Kultur-gruppe.

 Es gab zwei Dritte Preise…

  1. Preis, dotiert mit EUR 3.500,-: Kulturschlüssel Saar, der Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringt, um gemeinsam Kultur zu erleben.
  2. Preis, dotiert mit EUR 3.500,-: Ausflugsschiff Ulmer Spatzder Lebenshilfe Donau-Iller, mit seiner inklusiven Schiffsmannschaft.
Ulmer Spatz

Ulmer Spatz

Dieses Projekt lag mir besonders am Herzen, deshalb habe ich auch die Laudatio gehalten.

Meine Laudatio für den Ulmer Spatz

Meine Laudatio für den Ulmer Spatz

Mit den Preisträgern aus Kiel saß ich sogar am Tisch und wir hatten sehr interessante Gespräche.

Gerade weil ich auch Vorträge an Hochschulen halte, war es sehr interessant für mich.

Es freut mich sehr, dass die Teilnehmer nach der dreijährigen Vollzeit-Qualifizierung zur Bildungsfachkraft sozialversicherungspflichtig auf dem ersten Arbeitsmarkt und an Hochschulen und Universitäten als  Experten in eigener Sache tätig sind.

Besonders freute ich mich darüber, dass ich von dem Projektleiter Dr. Jan Wulf-Schnabel eingeladen wurde, mit ihm gemeinsam die Abschlussfeier zum Fachtag Inklusive Bildung am Mi. 21. September 2016 an der Europa-Universität Flensburg zu moderieren.

Geistig behindert – was bedeutet das?

9. Mai 2014: Weil Menschen mit Down-Syndrom immer automatisch als geistig behindert bezeichnet werden, habe ich mich mal damit beschäftigt, was das eigentlich bedeutet. Dabei habe ich festgestellt, dass es gar keine eindeutige Definition gibt.

Georg Feuser sagt sogar: „Geistigbehinderte gibt es nicht!“

Andere sagen: „Behindert ist, wer behindert wird!“

Oder:  „Behindert ist, wer sich behindert fühlt!“

Die Einschränkung der Lernfähigkeit eines Menschen wird als geistige Behinderung bezeichnet.

Leider schaut unsere Gesellschaft immer nur auf die Defizite dieser Menschen und vergisst, dass sie auch Stärken haben.

Um festzustellen, wie groß der Schweregrad der Behinderung ist, werden Tests gemacht. Sie geben aber nur die momentane Situation wieder und man weiß nicht, wie die Entwicklung bei guter Förderung sein wird.

Bei einem niedrigen IQ-Wert geht man davon aus, dass dieser Mensch bildungsunfähig ist. Ich bin der Meinung, dass man bei allen Menschen die Möglichkeit sehen sollte, dass sie eine gewisse Bildungsfähigkeit haben.

Leider ist unser Schulsystem so, dass oft auch Hochbegabte nicht als solche erkannt werden und in eine Sonderschule kommen.

Sind wir nicht alle mehr oder weniger behindert?

Die Leistungsfähigkeit eines Menschen ist immer von verschiedenen Faktoren abhängig. Wenn er in einer Umgebung lebt, in der man ihm nichts zutraut und ihn fremdbestimmt, wird er auch keine Selbständigkeit erlangen. Geht man auf seine Bedürfnisse ein und gibt ihm die Zeit, die er braucht um zu lernen oder die Unterstützung, die er braucht, so wird er auch eine gewisse Selbstständigkeit erlangen können.

Leider wird „behindert“ auch ganz oft von Jugendlichen als Schimpfwort benutzt.

Deshalb ist es auch kein Wunder, dass viele betroffene Menschen die Bezeichnung „geistig behindert“ als Stigmatisierung und Diskriminierung empfinden. Leider fühlen sie sich ausgegrenzt.

Dabei hört man auch immer wieder: „Sind wir nicht alle mehr oder weniger behindert?“

Das glaube ich auch und die meisten Menschen werden irgendwann im Laufe ihres Lebens behindert sein.

Leichte Sprache: Nur für Menschen mit Handicap?

17. November 2012: 2006 wurde das Netzwerk „leichte Sprache“ gegründet. Es sollte Menschen mit Lernschwierigkeiten die Teilhabe am öffentlichen Leben erleichtern und eine Ausgrenzung aus sprachlichen Gründen verhindern.

Als ich 2010 bei einer Inklusionsveranstaltung den ersten Vortrag in leichter Sprache hörte, war das sehr ungewohnt. Die Referentin meinte, dass es gar nicht so einfach ist, kurze Sätze zu bilden, keine Fremd- und Fachwörter zu verwenden und schwierige Wörter zu erklären.

Deutschland ist ja auch das Land der Dichter und Denker, da passt doch keine leichte Sprache – oder?

Bei einer Veranstaltung in Berlinerklärte ein Bundestagsabgeordneter, dass er regelmäßig ganz kurzfristig viele Texte und Entwürfe lesen und durcharbeiten muss. Einmal war er so sehr unter Zeitdruck, dass er froh war, dass es den Text auch in leichter Sprache gab. So konnte er sich schnell einarbeiten und fühlte sich trotzdem gut informiert.

Eine Professorin meinte, sie fühlt sich immer überfordert mit amtlichen Schreiben, deshalb freut sie sich, dass sie eine Freundin hat, die Juristin ist und ihr die Texte erklären kann.

Leichte Sprache ist also nicht nur für Menschen, die nicht so gut lesen können oder nicht so gut Deutsch können, wichtig. Leichte Sprache ist gut für alle Menschen!

Deshalb sollten vor allem Anträge, Verträge und amtliche Schreiben in leichte Sprache übertragen werden.

Zum Glück gibt es schon viele Texte und auch Bücher in leichter Sprache:

  • Die UN-Konvention über Rechte behinderter Menschen
  • Das Behindertengleichstellungsgesetz
  • Texte auf der Homepage der Bundesregierung
  • Texte auf der Homepage der Lebenshilfe usw.

Ich finde es auch schön, dass die Ohrenkussautorenportraits nun auch in leichte Sprache übersetzt wurden.

Das ist ein gutes Beispiel, dem andere folgen sollten.

 

Lebenslanges Lernen trotz Behinderung

16. April 2012: Lernen macht Spaß, lernen macht unabhängig, man wird dadurch selbstständiger und erweitert seinen Horizont.

Ich hatte als Kind viele Lernspiele und auch heute noch lerne ich sehr viel spielerisch.

Schon mit drei Jahren lernte ich es, meinen Kassettenrecorder zu bedienen. Ich liebte meine Hörspiele und meine Musikkassetten und plapperte die Texte mit. So konnte ich meinen Wortschatz erweitern. Der Computer hat schon immer eine große Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Zu meinem fünften Geburtstag bekam ich mein erstes Lernprogramm. Es war ein englisches ABC-Programm und machte mir viel Freude.

Schon bald entdeckte ich, dass der Computer der beste Lehrer für mich war. Ich konnte immer wenn ich Lust dazu hatte meine Lernprogramme öffnen und alle Themen so oft wiederholen, wie ich wollte. Weil der Computer Fehler sofort erkennt und meldet, prägten sich auch keine Fehler ein und ich bekam dadurch viel Sicherheit.

Diese Möglichkeit zu lernen wünsche ich alle Menschen.

Leider achtet man bei Menschen mit Behinderung nur auf ihr Defizit und

darunter leidet auch das Selbstwertgefühl. Zur Chancengleichheit gehört auch das Recht zu lernen. Obwohl in Deutschland Schulpflicht herrscht, gibt es viele Analphabeten. Besonders Menschen mit Handicap verlernen die mühsam erworbenen Fähigkeiten weil sie nicht genutzt werden.

Darum ist lebenslanges Lernen besonders auch für Menschen mit Behinderung sehr wichtig.

Je mehr man gelernt hat, desto besser findet man sich in seiner Umwelt zurecht und um so mehr wird man auch von seinen Mitmenschen akzeptiert.

Leider können sich viele das Lernen gar nicht leisten. Computerkurse oder Volkshochschulkurse sind teuer. Ich wünsche mir deshalb eine Datenbank, die Menschen mit Handicap kostenlos lebenslanges Lernen ermöglicht.

Inklusionsveranstaltung

16. Februar 2011: Am 27. Januar hatte ich eine Einladung zur Impulsveranstaltung Inklusion im Sitzungssaal des Landratsamtes in Darmstadt.
 Ich war sehr gespannt, weil Frau Ines Boban und Professor Andreas Hinz, die den  „Index zur Inklusion“  entwickelten, als Referenten eingeladen waren.

Beim Down-Syndrom Kongress 2002 in Potsdam habe ich sie persönlich kennen gelernt. 
Ich habe dort einige Vorträge von ihnen besucht und war begeistert.
 Deshalb freute ich mich, dass sie mich noch kannten und begrüßten. 
Nachdem Deutschland die Behindertenrechtskonvention unterschrieben hat, soll auch das hessische Schulgesetz novelliert werden.
 Das Staatliche Schulamt möchte die Erfahrungen von Frau Boban und Professor Hinz hierfür nutzen.
 Wie immer war der Vortrag sehr interessant.

Inklusion heißt, dass es keine Aussonderung mehr gibt, das bezieht sich nicht nur auf  Menschen mit Behinderung. 
Viele Menschen sind Außenseiter, egal ob Ausländer, Homosexuelle oder Zwitter usw.
 Es ist noch ein weiter Weg zur Inklusion und vielleicht werden wir sie nie wirklich erleben. 
Manche Menschen haben auch Angst davor. Einige Eltern kämpfen für die Inklusion und andere möchten dass ihre Kinder geschützt in Sondereinrichtungen leben.
 Ich finde es wichtig, dass jeder ein Recht auf gemeinsame Bildung hat und frei wählen kann, wo er leben will.