Wahlrecht auch für Menschen mit Behinderung?

7. Januar 2012: Am Sonntag den 06.11.2011  war bei uns in Seeheim-Jugenheim Bürgermeisterwahl. Wie immer seit meinem 18. Geburtstag war es für mich selbstverständlich, meiner Bürgerpflicht nachzukommen.

Obwohl jeder Bürger in einer Demokratie ein Wahlrecht hat, werden Menschen mit Behinderung ausgeschlossen, wenn ein Betreuer alle ihre Angelegenheiten regelt. Dies erfuhr ich durch eine Pressemitteilung unseres Behindertenbeauftragten Hubert Hüppe. Das finde ich nicht in Ordnung. Mein Onkel war blind, er hatte trotzdem seine eigene Meinung und wollte wählen. Deshalb ging meine Tante immer mit in die Wahlkabine und machte für Ihn ein Kreuz. Ein Wahlzettel in Blindenschrift wäre besser gewesen. Nichtbehinderte Wähler können selbst entscheiden, ob sie von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Sie können sich zwar informieren, müssen es aber nicht. Manchen behinderten Menschen wird gar nicht zugetraut, dass sie verstehen, worum es geht. Deshalb dürfen sie gar nicht erst entscheiden, ob sie wählen wollen.

Ich wünsche mir, ebenso wie Herr Hüppe uneingeschränktes Wahlrecht für alle Bürger, so wie es in der UN-Behindertenrechtskonvention steht. Wahllokale müssen barrierefrei sein und jeder Wähler muss die Möglichkeit haben, sich gut zu informieren. Deshalb sollte es täglich Nachrichten auch in leichter Sprache, Gebärdensprache und mit Untertiteln geben. Menschen mit Handicap egal, ob blind, taub, körper- oder geistigbehindert sollten auch eine Assistenz bekommen, wenn es nötig ist.

Zum Glück hat man ja auch die Möglichkeit, Briefwahl zu beantragen. Da gibt es vielleicht weniger Barrieren.

Man unterscheidet aktives und passives Wahlrecht: Menschen mit aktivem Wahlrecht dürfen wählen, Menschen mit passivem Wahlrecht dürfen kandidieren und gewählt werden. Vielleicht wäre es gut, wenn mehr Menschen mit Behinderung kandidieren würden, weil sie sicher die Belange behinderter Menschen besser vertreten könnten.

Vom Hilfeempfänger zum Helfer

4. Januar 2012: Als ich geboren wurde, sagte man meinen Eltern: „Geben Sie Ihr Kind in ein Heim, es wird nie sitzen, laufen, schreiben, rechnen und lesen können! Es wird nie selbständig leben können! Heute weiß ich, dass das nicht stimmt!

Meine Mutter hat mir immer so viel Hilfestellung wie nötig gegeben, aber sie hat mich auch immer ermutigt, so viel wie möglich selbst zu tun.

So habe ich viel gelernt und kann nun auch anderen helfen. Darüber bin ich sehr glücklich.

Ich habe einen Minijob bei einer Dame, die im Rollstuhl sitzt. Sie hat eine schwere Muskelschwäche, deshalb fallen Ihr oft die Augenlider zu und sie kann leider gar nichts sehen. Dann muss ich ihr ganz schnell Tabletten anreichen. Sie freut sie sich ganz besonders, wenn ich ihr etwas vorlese oder auf dem Klavier vorspiele. Sie diktiert mir, was sie aufschreiben oder einkaufen muss. Manchmal fülle ich Überweisungsscheine aus, bringe sie zur Bank und drucke Kontoauszüge aus. Ich kann ihre Beine und ihre Augen ersetzen und Besorgungen für sie machen.

Bei schönem Wetter gehen wir spazieren und ich schiebe den Rollstuhl.

Wenn es  der Dame gut geht,  können wir sogar shoppen. Da brauchen wir nur jemanden, der uns nach Darmstadt fährt und auch wieder abholt. Weil die Gänge zwischen den Kleiderständern zu eng sind und die Kleidung zu hoch hängt, bringe ich ihr verschiedene Sachen, damit sie eine Auswahl treffen kann. Wenn wir etwas Passendes gefunden haben, gehe ich zur Kasse und bezahle. Manchmal besuchen wir auch ein Restaurant und essen dort Mittag. Wir haben immer sehr viel Spaß und freuen uns, wenn wir erfolgreich sind.

Ich darf auch im Haushalt helfen, z.B. Geschirr spülen, Staub wischen, den Fußboden wischen, Wäsche aus der Maschine nehmen und aufhängen. Außerdem hole ich Lebensmittelvorräte aus dem Keller.

Wenn ich mit meiner Arbeit fertig bin, spielen wir manchmal zusammen Kniffel und verschiedene andere Spiele. Das macht sehr viel Spaß.

Meine Erfahrungen bei der Jobsuche

24. November 2011: Weil ich unbedingt einen richtigen Beruf erlernen möchte, habe ich schon über einhundert Bewerbungen geschrieben. Leider bekomme ich meist Absagen oder gar keine Antworten. Deshalb habe ich schon viele befristete Praktika absolviert oder ehrenamtlich gearbeitet.

Selbst in Einrichtungen, wo behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam betreut werden, hört der Inklusionsgedanke offenbar mit der Kindergartenzeit auf. Auch Arbeitgeber, die selber Kinder mir Down-Syndrom haben, sind oft nicht bereit, einen Menschen mit Behinderung einzustellen. Einmal bekam ich zu hören; „Solange mein Kind keinen Arbeitsplatz hat, bin ich nicht bereit, jemanden mit Down-Syndrom einzustellen.“

Während eines Praktikums in einer Arztpraxis war die Ärztin mit mir sehr zufrieden und stellte mir einen Ausbildungsplatz in Aussicht.  Am Wochenende sah sie einen Film mit Bobby Brederlow. Leider erkannte sie nicht seine schauspielerische Leistung an, wie es sicher bei einem normalen Schauspieler der Fall gewesen wäre. Am Montag erklärte sie mir, dass sie mich leider doch nicht einstellen könnte, weil Menschen mit Down-Syndrom sich so unmöglich verhalten und deshalb untragbar sind.

Ich bekomme oft Anfragen, ob ich in Filmen oder bei Radiohörspielen mitmachen mag, in denen es um Behinderung geht.

Da ich mich sehr für Inklusion einsetze und auch festgestellt habe, dass die Medien einen großen Einfluss haben, habe ich mich dazu bereit erklärt.

Nach dem Casting heißt es oft: „Es tut uns leid, das klingt jetzt vielleicht doof, aber für unsere Zwecke bist Du leider nicht behindert genug!“

Wenn ich mich um einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz in der freien Wirtschaft bewerbe, heißt es: „Mit dem Down-Syndrom sind Sie zu behindert.“

Aus lauter Frust und Betroffenheit habe ich nun einen Minijob angenommen.

Ich frage mich nur: „Wo bleibt da die Inklusion?“